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Mythen über das französische Gesundheitssystem

Nach fast 7 Jahren in Frankreich habe ich das französische Gesundheitswesen aus erster Hand kennengelernt. Auch durch Erfahrungen meiner Freunde bin ich zu dem Schluss gekommen, dass nicht immer alles Gold ist was glänzt. Obwohl, hier glänzt eigentlich nichts, was das Gesundheitssystem betrifft.

Aus meiner Erfahrung sind die Ärzte insgesamt zwar freundlich, aber nicht unbedingt gründlich. Die Qualität der Versorgung ist natürlich subjektiv und hängt, wie überall, weitgehend vom Arzt ab – ich habe beide Seiten der Medaille erlebt. Ich habe in meiner Heimat und in Frankreich eine gute und nicht so gute Versorgung erlebt, aber alles in allem bin ich vom französischen Gesundheitssystem nicht sehr überzeugt.

Schauen wir uns einige Vor- und Nachteile des französischen Gesundheitssystems und die Mythen über das französische Gesundheitssystem an, die ich so gehört habe.

VOR- UND NACHTEILE DES FRANZÖSISCHEN GESUNDHEITSSYSTEMS

Einleitend möchte ich sagen, dass meine Gedanken hier zum französischen Gesundheitssystem auf meinen eigenen persönlichen Erfahrungen beruhen. Ich behaupte nicht, alles zu wissen (weit gefehlt!). Die Mythen, über die ich im Folgenden spreche, stammen direkt aus meinem Leben oder von anderen Menschen (Einheimischen und Ausländer:innen), mit denen ich im Laufe der Jahre in Kontakt gekommen bin.

MYTHOS: JEDER HAT ZUGANG ZUM FRANZÖSISCHEN GESUNDHEITSSYSTEM.

Nur französische Staatsbürger und legal in Frankreich ansässige Personen sind im französischen Gesundheitssystem versichert und erhalten eine Rückerstattung – im Wesentlichen diejenigen, die in das System einzahlen. Wer als Tourist nach Frankreich kommt und sich ein Bein bricht, wird zwar auf jeden Fall behandelt, es werden keine Fragen gestellt, aber man ist für alle Kosten verantwortlich. In vielen Fällen wird die Versicherung zuhause die Kosten übernehmen, aber manchmal eben nicht. Deswegen ist, vor allem bei längeren Reisen, eine Auslandskrankenversicherung nicht die schlechteste Entscheidung. Achtung, Auswanderinnen und Auswanderer ohne Job haben nicht automatisch das Recht auf eine französische Krankenversicherung! Bitte informiert euch bevor ihr auswandert bei vertrauenswürdigen Quellen!

Eine fantastische Sache, auf die ich hinweisen möchte, ist, dass man die Krankenversicherung in Frankreich nicht verliert, wenn man seinen Job verliert. Das französische System ist unabhängig vom Beschäftigungsstatus – und diskriminiert nicht aufgrund von Alter, Vermögen oder sozialer Schicht. Selbst wenn ihr arbeitslos werdet, müsst ihr nicht befürchten, euch in den Bankrott zu treiben, wenn ihr eine Operation oder eine andere kostspielige medizinische Behandlung benötigt.

Mythos: Das französische Gesundheitswesen ist kostenlos (oder wirklich billig).

Dies ist wahrscheinlich der größte Irrglaube über das französische Gesundheitswesen. Ich habe es erst letzte Woche wieder mal gehört und es ist einfach nicht wahr! Verglichen mit den Kosten in anderen Ländern sind die französischen Gesundheitskosten zweifellos erschwinglicher. Aber kostenlos? Nein.

Um einige Hintergrundinformationen zu geben: Das französische Gesundheitssystem ist ein Netz aus öffentlichen und privaten Krankenhäusern, Ärzt:innen und anderen medizinischen Dienstleistern. Niemand, der medizinische Versorgung benötigt, wird aufgrund des Alters, Beschäftigungsstatus oder Vorerkrankungen abgewiesen.

Vergessen wir aber nicht, dass die Franzosen und diejenigen von uns, die ihren ständigen Wohnsitz in Frankreich haben, hohe Sozialabgaben zahlen (plus verschiedene Steuern, die den Lohn weiter schmälern). Sie zahlen also in das System ein, das die Gesundheitsversorgung garantiert – zusammen mit den Arbeitgebern auf der anderen Seite.

Kosten des französischen Gesundheitssystems

In Frankreich wird beim Arzt eine Bezahlung vor Ort erwartet. Klar: die Pauschalgebühr von 23 Euro für einen Besuch beim Allgemeinmediziner ist recht billig: die Krankenversicherung erstattet den größten Teil der Kosten, und noch mehr, wenn man für eine Zusatzversicherung zahlt. Aber zusätzlich dazu zahlen die Franzosen eben eine hohe Summe an Sozialabgaben – unabhängig davon, ob sie krank sind oder nicht.

Und Arztbesuche sind nicht immer so billig. Zum Beispiel die zahnmedizinischen Kosten sind besonders hoch. Wenn ihr nicht über eine gute Zusatzversicherung verfügt, können Behandlungen beim Zahnarzt recht kostspielig sein. Viele weit verbreitete Medikamente, Tests und Dienstleistungen sind ebenfalls nicht abgedeckt und müssen aus eigener Tasche bezahlt werden.

Um den Zusammenhang zu verdeutlichen: Vor kurzem wurde bei einem französischen Bekannten eine Darmspiegelung durchgeführt, wobei der Eingriff selbst, nicht aber die Anästhesie erstattet wurde. Die meisten Menschen entscheiden sich für eine Anästhesie, so dass der Eingriff zwar weitaus angenehmer ist, sie ihn aber am Ende aus eigener Tasche bezahlt müssen. Die Gebühr ist nicht exorbitant, aber eben nicht kostenlos.

Einige dieser Gebühren erstattet die Mutuelle. Patienten erstattet. Es handelt sich dabei um eine Zusatzversicherung, die die meisten Franzosen bezahlen, um die Differenz zwischen dem was erstattet wird und den vollen Kosten der Leistung zu decken. Ein weiteres Beispiel: Antibabypillen sind nicht abgedeckt, und Sie zahlen die Kosten aus eigener Tasche.

Wer an einer chronischen aber nicht lebensbedrohlichen Krankheit leidet, die Spezialisten oder außergewöhnliche Tests und Behandlungen erfordert, oder jemand, der gerne alternative Behandlungsmethoden ausprobieren möchte, muss sich bewusst sein, dass ein Großteil der dadurch entstandenen Kosten nicht erstattet werden.

Als letzten Punkt möchte ich die physische Gesundheit ansprechen: Die französische Krankenversicherung erstattet nur die Kosten für einen Psychiater. Wenn ihr die Behandlung durch einen Psychiater nicht benötigt, aber gerne aus freien Stücken einen Psychologen aufsuchen möchtet, könnt ihr das zwar tun, müsst sie aber aus eigener Tasche bezahlen. Eine gute Mutuelle ist daher das Um und Auf im französischen Gesundheitssystem!

Mythos: das französische Gesundheitssystem ist das beste ist und jeder Arzt ist großartig.

„Großartig“ ist subjektiv und hängt ganz von der Einrichtung, dem Arzt, eurer Situation und Kranhheit ab. Natürlich wird nicht jeder Mensch jedes Mal eine großartige Erfahrung machen. Das gibt es nirgendwo. Es gibt überall auf der Welt gute und nicht so gute Ärzt:innen.

Was bedeutet „gut“ für euch? Ich bin vielleicht voreingenommen, aber ich glaube fest daran, dass das französische Gesundheitswesen für die Notfall- und Routineversorgung gut ist. Ihr benötigt eine Notoperation, seid schwanger oder leidet an einer weit verbreiteten Krankheit? Dann seid ihr im französischen System bestens versichert.

Auch wenn ihr einigermaßen gesund seid, einmal im Jahr zum Arzt geht und selten Spezialisten braucht, ist das französische System ebenfalls großartig. Wer jedoch regelmäßig Spezialisten aufsuchen muss, kann aufgrund des Ärztemangels Schwierigkeiten haben, einen Termin zu bekommen. In meiner Gegend gab es einen Mangel an Zahnärzten und Dermatologen, als ich zum ersten Mal umzog, weil viele von ihnen etwa zur gleichen Zeit in den Ruhestand gingen. Es gab eine 6-monatige Wartezeit für neue Patienten. Es ist mir immer noch nicht gelungen, einen Hausarzt zu finden, weil niemand neue Patienten annimmt.

Mythos: Es gibt Spezialisten für alles.

Französische Ärzte sind gut ausgebildet und kompetent, also gibt es keine Frage über ihre Ausbildung oder Fähigkeiten. Theoretisch gibt es Spezialisten für alles.

Denkt aber an den parcours de santé. Wenn ihr einen Facharzt ohne Überweisung aufsucht, werden die Kosten dafür nicht übernommen. So sehr ich es für sinnlos erachte: geht für diese Überweisung auf jeden Fall zuerst zu eurem Hausarzt!

Außerdem dürfen Fachärzte im Gegensatz zu Allgemeinärzten ihre eigenen Sätze über den Standardsatz hinaus festlegen, und es wird nur ein Teil davon erstattet. Soviel dazu, dass das System kostengünstig ist.

Wie bereits erwähnt, ist es manchmal sehr schwierig, einen Spezialisten aufzusuchen, wenn ihr frisch umgezogen seid. Gerade bei weniger bekannten Erkrankungen, ist es nicht immer selbstverständlich, dass man eine schnelle, gründliche Versorgung zu einem günstigen Preis erhält – vor allem in ländlichen Gebieten, wo Spezialisten möglicherweise eine Rarität sind.

Mein Tipp: Seid hartnäckig und besteht höflich darauf, dass ihr jetzt und nicht in 6 Monaten einen Termin benötigt. Ich habe gelernt, dass es zu meinem Gunsten sein kann, wenn ich dem Empfangspersonal Einzelheiten mitteilen. Manchmal hilft’s, wenn die Menschen am Telefon Mitleid haben – das gilt doppelt, wenn ihr höflich seid. 😉

Wie alles im Leben hat auch das französische Gesundheitssystem seine Vor- und Nachteile. Wenn ihr das nächste Mal jemanden über das französische Gesundheitswesen sprechen hört, spitzt die Ohren, ab jetzt könnt ihr hoffentlich Fakten von Mythen unterscheiden!

Was sind für euch die Vor- und Nachteile des französischen Gesundheitssystems? Welche Erfahrungen habt ihr mit dem französischen Gesundheitswesen gemacht?

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