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Erster Arbeitstag in Frankreich – So vermeidet ihr Fettnäpfchen!

Es ist geschafft: die Bewerbungsphase ist vorbei, das Vorstellungsgespräch erfolgreich gemeistert und ihr habt euren ersten CDI*, oder auch einen Praktikumsvertrag in der Tasche. Mit diesen Infos geht ihr an eurem ersten Arbeitstag in Frankreich den Fettnäpfchen gekonnt aus dem Weg.

  

Ich erinnere mich noch gut an meinen Arbeitstag in Frankreich: la bise*, das Glas Rotwein während der ersten gemeinsamen Mittagspause im Restaurant nebenan und eine E-Mail, bei der ich dachte, sie kommt vom Präsidenten selbst!

Gerne möchte ich euch die eine oder andere (böse) Überraschung ersparen!

Ich stand um 5 vor acht an einen Montag vor verschlossener Bürotür. Echt superfrüh für französische Verhältnisse. Zwei Tage später war mir klar, dass der Grossteil meiner Mitarbeiter nicht vor 9 Uhr anfangen würde. Ich hab auch nur 10 Minuten auf meinen Vorgesetzten gewartet. Echt superwenig für Frankreich. Zwei Tage später war mir klar, dass mein Chef immer mindestens 15 Minuten Verspätung hatte. Ja, auch bei Kundenmeetings.

Ein paar Jahre später finde ich es immer noch schwierig, nicht von der Kunst der Unpünktlichkeit genervt zu sein. Für meine germanischen Wurzeln ist es einfach nur unhöflich und ein Zeichen von mangelndem Respekt, wenn man nicht mindestens 5 Minuten früher da ist. Ich rate euch, diese Gedanken ganz schnell zu vergessen. Denn: die Franzosen denken wohl einfach nicht drüber nach, was es bedeuten könnte, wenn sie zu spät kommen. Es ist Teil vom französischen savoir vivre* – interpretiert da einfach nicht zu viel hinein – es hat ganz bestimmt nichts mit euch zu tun. 🙂

Wie schon kurz angesprochen: der Arbeitstag beginnt hier selten vor 9 Uhr. Für mich als echte Spätaufsteherin sogar manchmal noch ein bisschen später. Bis jetzt hatte ich das Glück, dass das immer toleriert wurde. Selbst Ämter sind vor 9 nicht erreichbar. Von wegen, vor der Arbeit noch schnell zur Bankberaterin oder ein paar Pakete verschicken. Dementsprechend spät endet der Arbeitstag – auch wenn die Regelarbeitszeit nur 35 Stunden vorsieht.

Anfänglich hatte ich auch mit den 90 Minuten Mittagspause zu kämpfen. Ist wohl ein persönliches Ding: Ich hab mittags nicht viel Hunger und nach einer so langen Pause bin ich oft müde und nicht besonders motiviert. Doch auf meine Bitte, die Mittagspause zu verkürzen, hat mein Vorgesetzter mit absolutem Unverständnis und einem klaren Nein reagiert. Die pause déjeuner* ist und bleibt heilig im französischen Arbeitsalltag. Mit der Zeit hab ich mich dann dran gewöhnt, hab von Zeit zu Zeit meine Mitarbeiter ins Restaurant begleitet und mir dort das ein oder andere Gläschen Wein gegönnt. Bezahlt haben wir dort praktischerweise mit Tickets restos* – so wird auch das Portemonnaie geschont. 🙂

Das Miteinander am Arbeitsplatz

Etwas, woran ich auch lange zu knabbern hatte war die Beziehung zwischen Mitarbeitern. Man isst zwar zusammen in der Mittagspause, schwätzt an der Kaffeemaschine, aber spätestens an der Tür trennen sich die Wege bei Feierabend. Persönliche Gespräche sind selten an der Tagesordnung. Noch viel wichtiger ist diese Trennung bei Vorgesetzten. In Frankreich ist Hierarchie ein wichtiges Thema. Die Vorgesetzten haben in der Regel eine Meinung und sind nicht an der der Mitarbeiter interessiert. Achtet im Arbeitsalltag bei der Kommunikation mit euren Vorgesetzten unbedingt auf Höflichkeit und Respekt. Dinge, die in Deutschland in 2 Sätzen kommuniziert werden könnten, brauchen hier eine lange E-Mail mit einer höflichen Einleitung und dem französischen Je vous prie d‘agréer …* am Schluss.

Dieser Punkt hängt wohl auch mit dem Punkt der Kritik zusammen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Chefs in Frankreich Kritik viel weniger direkt als in Deutschland mitteilen – viel wird durch non-verbale Kommunikation vermittelt, ein bisschen durch die Blume. Ich persönlich finde das super, da es für mich leichter ist, Kritik in netter Form weiterzugeben, als knallhart zu sagen, dass jemand seinen Job nicht gut macht. Also ein kleiner Hinweis für euch: Am Anfang eures französischen Alltags verkneift ihr euch Kritik besser – anders als in anderen Ländern fassen Kollegen oder Vorgesetzte dies nicht negativ auf. Wenn ihr dann in eurem Unternehmen angekommen seid könnt ihr Kritik selbstverständlich äussern – aber immer in netten Formulierungen verpackt. 🙂

Ich bin in einer Region aufgewachsen, in der Siezen faktisch nicht existiert. Jeder wird geduzt und keiner fühlt sich dadurch angegriffen. Da ich aber im Studium gelernt habe, dass man in Frankreich Fremde immer siezt, hab‘ ich das auch im Berufsleben so durchgezogen – und bin damit immer gut gefahren. Meine Regel: lieber ein vous* zu viel als eins zu wenig. 🙂

Mein letzter Tipp gilt wohl nicht nur für den ersten Arbeitstag in Frankreich, sondern für alle ersten Arbeitstage überall: Dresscode! Nirgendwo mehr als in Frankreich machen Kleider Leute. Wenn möglich, informiert euch schon vor dem Bewerbungsgespräch über den Dresscode in dem Unternehmen. Manchmal könnt ihr einen ersten Eindruck von der Kleiderordnung auf der Web- oder Karriereseite des Unternehmens bekommen. Seht euch Image-Videos auf Youtube an oder späht LinkedIn-Profile der Mitarbeiter aus, um diese au Hinweise und Gemeinsamkeiten zu untersuchen.

 

 

 

 

Begriffserklärung:

* Abkürzung für Contrat à durée indeterminée = unbefristeter Arbeitsvertrag
* das französische Begrüssungsküsschen
* französische Lebenskunst
* die Mittagspause; dauert durchschnittlich 45-90 Minuten und die Franzosen verbringen sie oft im Restaurant verbracht
*le ticket restaurant, auch ticket resto genannt = Zahlungsmedium, das vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt und in Restaurants oder Supermärkten als Zahlungsmittel benutzt wird.
* französische Schlussformel für Briefe und E-Mails. Je höflicher desto länger.
* französische Höflichkeitsform

1 Gedanke zu „Erster Arbeitstag in Frankreich – So vermeidet ihr Fettnäpfchen!“

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