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Auswanderer: Wo ist ihr Zuhause?

Jedes Mal, wenn ich als Auswanderer die Grenze überquere, um nachhause zu fahren, kann ich nicht anders, als mich zu fragen, ist es wirklich richtig, Österreich als mein Zuhause zu betiteln?

Natürlich, Österreich wird immer der Ort sein, wo ich herkomme. Heute, als waschechter Auswanderer, und nachdem ich einen Grossteil meines Erwachsenenlebens woanders verbracht habe, die meiste Zeit davon in Frankreich, frage ich mich, ob ich nicht eher Frankreich als mein Zuhause betiteln möchte, ob ich mich hier zuhause fühle.Was bedeutet Zuhause für Auswanderer?

Die schwierige Frage

Während meiner Jugend hätte ich nie gedacht, dass die Frage „Wo kommst du her?“ kompliziert sein könnte. Auch wenn ich innerlich mit den Augen rolle, die Antwort darauf kommt heute ziemlich flüssig „Ich bin eigentlich Österreicherin, wohne aber schon lange nicht mehr dort. Momentan lebe ich in Frankreich.“ Die daraus resultierenden Fragen sind zwar (meistens) nett gemeint, können manchmal aber auch ganz schön nerven. Noch schlimmer wird‘s mit deutschsprachigen Menschen: anscheinend klinge ich „nicht österreichisch genug“, um als waschechte Österreicherin durchzugehen. Wenn auch du im Ausland lebst, warst du bestimmt auch schon mal an diesem Punkt, oder zumindest kurz davor. Immer und immer wieder die selben Fragen und Gespräche. Als Auswanderer gleicht das einer Lebensaufgabe. 😉

Die Entscheidung für eine Auswanderung ist nicht leicht. Natürlich, du hast schon lange davon geträumt, mit Freunden, anderen Auswanderern oder deiner Familie darüber gesprochen. Alleine auszuwandern kann die beste Entscheidung deines Leben sein – aber ganz bestimmt nicht die leichteste. Es gibt gute Zeiten, genauso wie schlechte. Zeiten, in denen du dein neues Zuhause durch die rosarote Brille siehst – dann wieder fragst du dich, wie Menschen (du eingeschlossen) in so einem Land leben können. Manche von uns sind für einen Job ausgewandert, andere wegen der grossen Liebe oder der Familie wegen. Und manche auch einfach nur aus Neugierde und Abenteuerlust.

Die Rückkehr des Auswanderers

Auswandern heisst nicht unbedingt, seinem Zuhause für immer den Rücken zu kehren. In den letzten Jahren habe ich 8 Länder mein Zuhause genannt. Manchmal für länger, manchmal für einen kurzen, im Vorhinein definierten, Zeitraum. Während dieser Jahre bin ich zwei Mal für längere Zeit nach Österreich zurückgekehrt. Beide Male war ich überrascht davon, wie wenig es sich verändert hatte – und wie sehr ich mich verändert hatte! Ich hatte eine neue Sicht auf vieles, manche Dinge erschienen mir weniger wichtig, während ich andere für immer festhalten wollte. Es macht zwar Spass, all das wieder zu entdecken, was wir an Zuhause lieben, aber irgendwann kommt der Alltag – und der umgekehrte Kulturschock schlägt zu. Ich sag‘s euch, der Post-Travel-Blues existiert! Wenn du lange Zeit weit weg von deinem Zuhause warst, oder wenn die Rückkehr nicht unbedingt freiwillig war, kann sie weitreichende Auswirkungen auf deine Gesundheit und Psyche haben.

Ist Österreich noch mein Zuhause?

Wenn du glücklich über deine Rückkehr bist, merkst du es vielleicht nicht gleich, aber früher oder später wird es auch an dir nagen. Man vermisst Kleinigkeiten aus dem anderen Zuhause, fragt sich, warum im Heimatland dieses oder jenes nicht so gemacht wird. Am besten hilft hier, die Gewohnheiten in den Alltag zu integrieren. Warum nicht einen französischen Apéro in Österreich organisieren? Oder zwischendurch ein Croissant vom Bäcker nebenan?

Urlaub in Österreich ist für mich als Auswandrerin ein zweischneidiges Schwert. Es bestärkt mich einerseits darin, in Frankreich zu bleiben. Ich fühle mich dort nicht mehr zuhause, meine Freunde leben alle ihr Leben und während es sehr schön sein kann, in Erinnerungen zu schwelgen, ist dies nicht mehr mein Leben. Andererseits vermisse ich mein Zuhause und ich stelle mir oft vor, dass es sehr schön wäre, wieder nachhause zu ziehen. Es ist angenehm, nur die schönen Dinge zu sehen, und all das Schlechte einfach auszublenden.

Als Auswandrerin vereine ich zwei Persönlichkeiten in mir. Jede der beiden Persönlichkeiten lebt ihr Leben. Beide sind eigenständig, und doch fehlt einfach immer irgendwas nicht Greifbares. Es macht mich traurig zu wissen, dass meine zwei Leben nie vereint werden können, ganz egal, wie perfekt ich mir das vorstelle. Ich habe mich also damit abgefunden, dass ich mir nie sicher sein werde, was die richtige Entscheidung ist. Bleiben oder gehen, die beiden werden sich in meinem Kopf immer streiten. Aber ich versuche, das Gefühl des Verpassens durch das Gefühl von „mehr erleben“ zu ersetzen. Statt darüber nachzudenken, was ich Zuhause verpasse, erinnere ich mich daran, was ich alles verpasst hätte, wäre ich zuhause geblieben. Leichter gesagt als getan, vor allem, wenn man grad nur Lust hat, Freunde und Familie zu treffen, statt sie einfach nur anzurufen.

Ist Österreich trotz meiner Auswanderung mein Zuhause?

Überraschenderweise fühlt es sich danach an. Es fühlt sich an wie diese alte Freundin, die man schon so lange nicht mehr gesehen hat, mit der es aber sein wird, als hätte man sich gestern erst das letzte Mal gesehen. Bei der Rückkehr würde zwar einiges anders sein, als vor 8 Jahren noch. Vieles aber wäre genauso wie damals – leicht und selbstverständlich.

Wo fühlt sich ein Auswanderer zuhause?
Egal ob neue Gewohnheiten, meine Art zu sprechen oder meine generelle Einstellung zu manchen Dingen: Jedes meiner Zuhause hat mich irgendwie verändert und weitergebracht. Macht das aus mir eine Aussenseiterin? Werde ich jetzt immer anders sein? Vielleicht. Aber damit kann ich sehr gut leben – denn schliesslich machen all diese Dinge mich aus. Für mich ist und bleibt meine Auswanderung eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

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